31. August 2007

Mäusefieber

In Schweden warnen Ärzte vor einer Epidemie von Mäusefieber. Jetzt, wo es täglich kälter wird, in Kiruna liegt schon Schnee, suchen sich Feld- und Waldmäuse warme Plätze zum Überwintern. Und die gibt es in der Nähe von menschlichen Behausungen. Das Mäusefieber verursacht hohes Fieber, Muskel-, Bauch- und Rückenschmerzen, Kopfweh und Müdigkeit. Einen Impfstoff gibt es nicht und die Krankheit wird durch Einatmen übertragen.

Da Mäuse in und um Sommerhäusern, Scheunen etc. herum ihre Exkremente hinterlassen, besteht ein erhöhtes Risiko in diesem Herbst, sagt die Epidemologin Maria Hjertqvist.

Von Juni 2006 - Juni 2007 wurden in Schweden 1394 Menschen mit der Diagnose Mäusefieber versehen, doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

27. August 2007

Letzter Montag im August

Bei "Frisch gebloggt" ist es im Moment aufgrund Zeitmangel etwas ruhig. Die meisten Blogs sind Einmann- bzw. Einfrau- oder besser Einmenschunternehmen und dementsprechend steht und fällt die Zahl der Posts und ihrer Ausführlichkeit mit der verfügbaren Zeit.

Demnächst wieder mehr aus Schweden.

Und heute ein Song, der mit jedem Hören jedenfalls für mich in der Rangliste der Top 100 aller Zeiten ein Stückchen höher steigt. Einfach geniales Songwriting und erstklassig produziert: U2 mit "One" von ihrem Album "Achtung Baby!":

19. August 2007

WM-Pause

Der achtzehnte Spieltag der Damallsvenskan endete mit vier Spielen am Sonntag.

KIF Örebro gewann bei QBIK mit 2:1 und der Klassenerhalt der Mannschaft aus Värmland wird nun immer unwahrscheinlicher, zumal noch ein Spiel gegen Malmö auf dem Programm steht. Pavlina Scasna glich die Führung der Gastgeberinnen (Rebecca Johnsson) aus und Elin Hammarström erzielte den Siegtreffer in einer Begegnung, in der sich wieder einmal die griechisch-amerikanische Torfrau Maria Yatrakis bei QBIK auszeichnete. Wenn ich Trainer in der Damallsvenskan wäre und eine Weltklassetorfrau für 2008 suchen würde...

Deutlich mit 3:0 gewann Göteborg in Falköping und damit scheint auch der zweite Absteiger fest zu stehen. AIK und Hammarby haben in den letzten Begegnungen einen zu guten Eindruck gemacht, als das noch an eine Wende ganz unten zu glauben wäre.

Lediglich 1:0 siegte Sunnanå gegen Bälinge, das nach den Abgängen von Sanna Talonen und Kacey White mitten in der Saison viel an Offensivkraft verloren hat. Das kann auch eine Anne Mäkinen nicht retten.

Im Stockholmer Lokalderby hatten alle schon mit einem 0:0 nach einem sehr intensiven Spiel mit Torchancen auf beiden Seiten gerechnet, als Victoria Svensson sich auf dem linken Flügel durchsetzte und einen genauen Pass auf Emma Lundh spielte, die den Siegtreffer in letzter Sekunde markierte. Dabei konnte Hammarby einmal mehr zeigen, dass es mit den besten Teams durchaus mithalten kann. Umso unverständlicher, dass das Team von Anders Bengtsson nur auf Rang neun rangiert.

Und dass zwei Beobachter die Leistungen von Spielern ganz anders sehen können, beweist der Bericht von Lars Grimlund in Dagens Nyheter, der Elin Ekblom ein tolles Spiel bescheinigt. Dabei hatte Hammarby gerade grossen Erfolg damit, die sonst so gefährliche Rechtsachse Thunebro - Ekblom weitgehend auszuschalten. Anna Lindblom spielte direkt gegen Elin Ekblom und machte ein Riesenspiel. Nicht dass Ekblom schlecht gespielt hätte, sie versuchte es immer und immer wieder und gab nicht auf, aber die 18-Jährige Anna Lindblom entschied beinahe jeden Zweikampf für sich.

Und Bente Nordby aufgrund einer Unsicherheit negativ zu bewerten, ist ebenfalls völlig verfehlt. Im Mittelfeld zeigte überdies Marijke Callebaut bei Hammarby eine Glanzleistung und gäbe es Kilometergeld, könnte sie heute einiges einstreichen. Hammarby hat eine sehr talentierte Mannschaft mit jungen Spielerinnen: Anna Lindblom (18), Annica Svensson (24), Louise Fors (17), Daniela Chamoun (17), Josefin Wejner (18) und Jessica Landström (23) sind nur einige Namen, von denen noch zu hören sein wird.

Die Einschätzung von Victoria Svensson, dass man mit dem Ausgang der Meisterschaft bei sechs Punkten Vorsprung für Umeå kaum etwas zu tun haben wird, ist nun wohl realistisch und das Double für die Marta & Co. Mannschaft fast sicher. Dennoch wird es am 03. November und dem letzten Spieltag sicherlich eine mehr als heisse Begegnung, wenn Djurgården Umeå empfängt. Aber Umeå müsste ein weiteres Spiel verlieren und noch einen Punkt abgeben, um die Stockholmerinnen noch einmal aufholen zu lassen.

18. August 2007

Umeå schlägt Malmö 2:0


Im Spitzenspiel der Damallsvenskan besiegte Umeå heute den LdB Malmö FC mit 2:0. In der ersten Halbzeit machte die erst 19-Jährige Malin Levenstad ein grossartiges Spiel und konnte die gerade mal zwei Jahre ältere Marta noch weitgehend neutralisieren.

In Halbzeit Nummer zwei gab Marta zunächst die Vorlage zum 1:0 durch Lisa Dahlqvist und schoss dann das 2:0 selber. Die WM in China könnte zur grossen Bühne für die Brasilianerin werden, ob Umeå sie dann noch halten kann, wenn die Amerikaner für ihre neu geplante Profiliga mit den grossen Scheinen wedeln?

Im zweiten Spiel des Tages trennten sich die beiden Flops der Saison 1:1. AIK und Linköping. Erstere wollten im gesicherten Mittelfeld mit Drang nach oben spielen und letztere wollten ein gewichtiges Wort um die Meisterschaft sprechen.

Linköping hatte die klar besseren Torchancen, aber AIK hielt in der zweiten Hälfte dagegen und Nationaltorfrau Hedvig Lindahl sah beim Ausgleichstor, einer direkt verwandelten Ecke von Linda Lekander, nicht gut aus. Auf der anderen Seite patzte aber auch ihr Konkurrentin Sofia Lundgren, die jedoch mit einer Glanzparade bei einem Schuss Maureen Mmadus einen höheren Rückstand verhindert hatte.

Spielerin des Tages in Solna war die 20-Jährige Nigerianerin Faith Ikidi in der Abwehr von Linköping. Sie gewann jeden Zweikampf und hätte in der letzten Sekunde beinahe noch das Siegtor geköpft, aber der Ball nach einer Flanke von Frida Östberg landete an der Querlatte.

Fortsetzung des letzten Spiels vor der WM-Pause morgen mit vier Begegnungen, darunter dem Lokalderby in Stockholm zwischen Djurgården und Hammarby.

Entscheidet Marta heute auch die Meisterschaft?

Spitzenspiel in der schwedischen Liga: Meister und Tabellenführer Umeå empfängt den Zweiten aus Malmö (vier Punkte Rückstand). TV4 überträgt live ab 16.00 Uhr vom Gammliavallen.

In den letzten vier Spielen siegte Umeå jeweils "nur" mit einem Tor. Zuletzt im Pokalfinale am Mittwoch 4:3 gegen AIK aus Solna.

Der Unterschied zwischen den Spitzenclubs war in der vergangenen Saison grösser, doch sind Anna Sjöström und Malin Moström zurückgetreten, Sofia Lundgren, Sanna Valkonen und Anne Mäkinen verliessen den Verein. Neu hinzu kamen u.a. Madelaine Edlund, Ramona Bachmann und die Chinesin Ma. Ma ist inzwischen wieder in China, die Jugendweltfussballerin des Jahres konnte die hohen Erwartungen nicht erfüllen.

Der wesentliche Unterschied zwischen Umeå und den beiden anderen Topteams Malmö und Djurgården ist die fast zierlich wirkende Spielerin mit der ungewöhnlichen Rückennummer 60: Marta Vieira da Silva, kurz Marta genannt. Weltfussballerin des Jahres und nicht nur meiner Meinung nach die beste Frau, die jemals gegen einen Ball getreten hat.

Als die Verantwortlichen von Umeå IK 2004 Kontakt zu der damals 18-Jährigen aufnahmen und einfach in Brasilien anriefen, hielt Marta das für einen schlechten Scherz. Warum sollte ihr jemand in einem weit entfernten Land Geld anbieten, um Fussball zu spielen. Der Legende nach legte sie zunächst einfach auf. Umeå wäre nicht Umeå, wenn man einfach aufgegeben hätte. Nach einigen Schwierigkeiten setzte sich Marta ins Flugzeug, absolvierte ein Probetraining und unterschrieb einen Vertrag.

Am Anfang fror sie noch sehr, inzwischen hat sie sich wohl einigermassen an das so ganz andere Klima gewöhnt. Und Woche für Woche ist sie es, die in der schwedischen Liga das Publikum anlockt. Marta ist so etwas wie ein Naturereignis. Technisch absolut unerreichbar. Eine Antrittsschnelligkeit, die auf eine sehr gute Zeit über 100 m hindeutet. Mit einem fantastischen Spielüberblick und darüber hinaus beeindruckenden Zweikampfstärke.

Dass sie alleine Spiele entscheiden kann, hat sie immer wieder bewiesen. 3:0 führte Umeå im Pokalendspiel bei AIK am Mittwoch, zwei Treffer waren auf ihr Konto gegangen. Als AIK sich in das Spiel hineinkämpfte und nach Standardsituationen durch Laura Kalmari und zweimal Frida Höglund den sensationellen Ausgleich schaffte, waren ihre renommierten Mitspielerinnen Anna Paulson, Karolina Westberg (beide nominiert für die WM), die Norwegerin Lise Klaveness am Rand der Niederlage. Man zitterte vor dem nächsten Eckball, dem nächsten Freistoss der Gastgeberinnen.

In der 86. Minute schnappte sich Marta den Ball auf der linken Seite, setzte zu einem ihrer unvergleichlichen Sprints an, wo sie wieder einmal mit dem Ball schneller lief als zwei Gegenspielerinnen ohne und mit einem platzierten Schuss aus spitzem Winkel bezwang sie Sofia Lundgren und machte das Siegtor für Umeå.

Umeås Fussballchef Roland Arnqvist hatte Marta damals nach Schweden geholt. Jetzt will er die Brasilianerin langfristig an den Club binden. Martas Agent kommt mit der brasilianischen Nationalmannschaft Ende August nach Umeå und dann wird verhandelt. Arnqvist will noch vor dem 10. September einen Vertrag mit der 21-Jährigen abschliessen. Dann beginnt in China die WM und spätestens dann wird die Fussballwelt die Augen aufmachen und Marta wird nicht nur Schweden, sondern die ganze Welt zu Füssen liegen.

Heute nun Umeå - Malmö. Vieles, nein Alles hängt davon ab, ob es Malmös Abwehrreihe gelingt, Marta weitgehend auszuschalten.

Für den Verlauf der Meisterschaft wäre das wünschenswert.

17. August 2007

Deutliche Kritik an der einheitlichen Gebühr für Häuser

Mit den Begriffen kann man ins Schleudern kommen. "Fastighet" ist im Schwedischen ein Begriff, der sowohl ein Haus wie auch das Grundstück drum herum meint. Zur Zeit und seit vielen Jahren gibt es eine Steuer, die sich "fastighetsskatt" nennt und den Wählern des bürgerlichen Lagers schon immer ein Dorn im Auge war.

Jedes zweite oder dritte Jahr setzte man in den Gemeinden Schätzwerte für Häuser und Grundstücke fest. An diesen Schätzwerten ("taxeringsvärde") orientierte sich die zu zahlende Steuer.

Ergo zahlte eine Familie im dünn besiedelten Västerbotten für ihr altes Haus wesentlich weniger Steuern als eine reiche Familie mit grossem Haus und Grundstück in Djursholm, Täby oder Lidingö, den Stockholmer Speckgürteln.

Die Regierung Reinfeldt hat das geändert. Und vor einigen Monaten einen Vorschlag vorgelegt, nachdem ab dem 01.01.2008 ALLE Hausbesitzer in Schweden dieselbe Gebühr (höchstens 4.500 Kronen pro Jahr) bezahlen. Für die Besserverdienenden mit grossem Immobilienbesitz wird das ein Riesengeschäft, statt Sekt wird Champagner getrunken werden in der Sylvesternacht 2007/08, zumal Reinfeldt sich und den Seinen auch noch die Vermögenssteuer vom Hals schaffte.

Traditionell und daran hat selbst die rechte bürgerliche Regierung nichts geändert, gehen Gesetzesvorschläge auf "remiss". Das bedeutet, dass man sie verschiedenen Lobbyorganisationen, die davon berührt sind oder Expertenwissen haben, vorlegt und um deren Kommentar bittet. Sinn der Sache ist die Verfeinerung und manchmal auch das Vermeiden von Fehlern.

Die Expertisen zur Einführung der einheitlichen Gebühr für Hausbesitz sind nun eingetrudelt. Und die Kritik ist vernichtend.

Boverket, staatliche Wohnbehörde (wie heisst wohl sowas auf Deutsch, wenn es das niht gibt?), etwa ist der schon von anderen Kritikern geäusserten Auffassung, dass das neue Verfahren einerseits die Mobilität behindere und es andererseits jungen Menschen schwer macht, auf dem Immobilienmarkt überhaupt aktiv zu werden.

Am schwerwiegendsten sind für Boverket jedoch die verteilungspolitischen Effekte. Für Besitzer älterer und recht billiger Objekte ändere sich nichts, während die Besitzer wertvoller Häuser in den Gegenden der Oberschicht gigantische Nachlässe erhielten.

Die bürgerliche Regierung wird überwiegend von Besserverdienenden gewählt und natürlich bedient sie vor allem ihre Stammwählerklientel. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst drastischer in Schweden als je zuvor.

Gleicher Meinung ist Matthias in seinem Blog "Poona", der noch einmal darauf hinweist, dass die Expertisen kaum überraschen, da bereits Sozialdemokraten, Grüne und Linke genau dieselben Kritikpunkte hatten.

Stureplanskultur

Die drei "wichtigsten" Blogs in Schweden werden von Menschen geschrieben, die mit Nachnamen Schulman heissen, verkündete Dagens Nyheter vor einigen Wochen. Dabei verwechselte die Zeitung Begriffe wie Popularität und Wichtigkeit.

Das ist in etwa so, als wenn die Schwarzwaldklinik die wichtigste Produktion des deutschen Fernsehens gewesen wäre.

Alex und Katrin Schulman sind seit kurzem miteinander verheiratet. Katrin ("Jetzt habe ich auch noch Durchfall.") und Alex waren auf Hochzeitsreise. Am 31.07. veröffentlichte der Bräutigam drei Bilder vom Flitterwochendomizil in Italien und lobte einen Wettbewerb aus. Findet heraus, wo wir sind, wer am schnellsten den richtigen Ort nennt, dem wird meine Braut einen blasen, warum nicht.

Anna Larsson rechnet in Svenska Dagbladet mit der hirnlosen Spassgesellschaft ab, die in Schweden offensichtlich noch vor allem sich selbst feiert und in Deutschland schon seit einigen Jahren wieder out ist.

Die Schulmans gehören zu den selbsternannten Schönen und Reichen, die das Gebiet rund um den Stockholmer Stureplan vor allem nachts bevölkern. Larsson greift die Vergewaltigungsfälle der letzten Wochen rund um den Stureplan auf und setzt sie in einen geistigen Zusammenhang zu den Ergüssen der "wichtigen" Blogger.

Larsson hat Recht. Das von Schulman vermittelte Frauenbild (meine Frau bläst dir einen, wieso nicht) trägt wesentlich zu dem vorherrschenden Frauenbild in einigen Teilen der Gesellschaft bei. Ihre Forderung, dass die Zeitung Aftonbladet, für die Schulman bloggt, ihn entlassen solle, geht allerdings zu weit. Aftonbladet muss selber entscheiden, welchen geistigen Durchfall es seinen "Journalisten" gestattet.

Widerlich

Und noch ein Kriminalfall aus den heutigen Nachrichten. Gestern wurde ein 10-Jähriges Mädchen in Tyresö, südlich von Stockholm, von drei ca. 17 Jahre alten Mädchen mit Fusstritten so schwer misshandelt, dass sie Blut erbrach. Die Mädchen sind nicht identifiziert und weiterhin auf freiem Fuss.

Bei der Tat gab es einen erwachsenen Mann als Zeugen, der jedoch nicht eingriff. Die Polizei sucht auch nach dem Mann.

Bereits vor vier Tagen war eine 13-Jährige in Tyresö von zwei unbekannten Mädchen misshandelt worden. Die Polizei schliesst nicht aus, dass es sich um dieselbe Gang handelt.

Dass immer mehr Mädchen gewalttätig werden, ist ein Trend, den die schwedische Polizei in den letzten Jahren festgestellt hat. Dass jetzt schon Kinder zu den Opfern werden, ist widerlich und abscheulich.

Dabei ist mir wirklich scheissegal (sorry) aus welchen schwierigen Familien die Mädchen kommen mögen. Es ist an der Zeit, dass man in Schweden auch einmal die Opferperspektive wahrnimmt und dass die Gesellschaft ihre Aufgabe ernst nimmt, die Menschen vor solchen gestörten Individuen zu schützen. Im schwedischen Rechtssystem haben minderjährige Gewalttäter eigentlich keine Konsequenzen zu erwarten.