Als schwedischen Watergate-Skandal hatten einige Medien im September 2006 die Affäre tituliert.
Mitarbeiter der liberalen Volkspartei hatten sich ins Intranet der regierenden sozialdemokratischen Partei eingeloggt und Informationen über die aktuelle Wahlkampfstrategie für die eigenen Aktionen nutzbar gemacht.
Heute nun beginnt der Prozess gegen sechs Personen vor dem Stockholmer Amtsgericht. Wie nicht anders zu erwarten war, mit einem Blitzlichtgewitter von Dutzenden Journalisten.
Per Jodenius, der als Hauptschuldiger gilt, möglicherweise aber nur im Auftrag handelte, sagte zu Journalisten von Dagens Nyheter, die Sozialdemokraten hätten im September lediglich Krokodilstränen vergossen, denn sie hätten längst von dem ungesetzlichen Eindringen gewusst und versuchten dies nutzbar für den eigenen Endspurt im Wahlkampf zu machen,
Als ob dies das Verhalten der sechs Angeklagten entschuldigen würde. Das Opfer ist selbst schuld, diese Behauptung kennt man leider auch von vielen Gewalttätern.
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10. April 2007
5. April 2007
Ordförande Persson - letzter Teil
Heute Abend habe ich mir endlich den letzten Teil der vierteiligen Reihe mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden Göran Persson ansehen können. Die Sendung kam bereits letzte Woche Montag.
Kaum ein anderes Fensehprogramm ausser natürlich dem "Melodifestivalen" hat in diesem Jahr so viel Aufsehen erregt wie die Gespräche mit Persson.
Die letzte Folge gab nun Aufschluss über den Niedergang und die Wahlniederlage der Sozialdemokraten und besonders ihres langjährigen Chefs.
Persson selbst bezeichnete sich schon 2004 und 2005 als amtsmüde. Er sei nicht motiviert für einen weiteren Wahlkampf, aber möglicherweise könne man die Wahl auch mit Routine gewinnen. Gegen einen Gegner, der sich als Allianz für Schweden formiert hat und der mit seinen vier Parteivorsitzenden, die auf einem Sofa sitzen und an Tick, Trick und Track (und Truck) erinnern, durch Schweden fährt und dessen Vorsitzender intern "Seife" genannt wird, weil er jedem entgleitet und zu nichts eine deutliche Position hat.
Persson überschätzt sich selbst in diesen Monaten, man gewinnt keine Wahl nur durch Routine. Die Menschen merken, dass er amtsmüde ist, dass er sich mehr für seinen Altersruhesitz in Sörmland interessiert, einem Bauernhof für ca. 2 Millionen Euro ausserdem, den viele Parteigenossen als unangemessen protzig und teuer empfinden.
Dabei ist es vermessen zu verlangen, ein Ministerpräsident und eine Generaldirektorin des schwedischen Alkoholmonopols müsten in einer 2-Zimmerwohnung in einem mit sozialen Problemen belasteten Vorort wohnen. Dennoch, ausgerechnet die sozialdemokratische Aftonbladet (die einem konservativen norwegischen Verlag gehört...) berichtet immer wieder über den Hausbau mit Grafiken und Skizzen, so dass die Leser nun wissen, wo Persson und Steen ihren Whirpool stehen haben.
Der Sozialdemokrat hat Recht, sein Hauptgegner Reinfeldt ist nichtssagend und völlig ohne Ausstrahlung, aber der Politfuchs vermag nicht einzusehen, dass die Leute weniger Reinfeldt wollen, als ihn abwählen.
Der Mord an Anna Lindh hat der früheren Nachfolge einen Strich durch die Rechnung gemacht. Reinfeldt und seine zweitklassigen Mitstreiter Olofsson, Hägglund und Leijonborg (Persson: "Ein durch und durch unseriöser Politiker") hätten gegen die starke und gemeinhin beliebte Aussenministerin keine Chance gehabt, die Messerstiche Mihajlo Mihajlovics gegen Anna Lindh haben möglicherweise die schwedische Geschichtsschreibung verändert.
Und Margot Wallström wollte nicht. Persson bot ihr das Amt der Sozialministerin an, um sie aus der EU-Kommission wegzuholen und als seine Nachfolgerin aufzubauen, aber die persönlichen Gräben, an denen Persson nicht unschuldig ist, zwischen den Beiden waren zu gross.
Vorsitzender Persson ist nun zu Ende und die Debatte um die Sendung, die ungewöhnlich heiss war, nicht zuletzt wegen der zahlreichen andere disqualifizierenden Äusserungen des Ex-Regierungschefs wird bald verebben und von neuen politischen Diskussionen überflutet werden.
Mona Sahlin hat als erste Frau den Vorsitz der grössten Partei Schwedens übernommen. Es ist an der Zeit, dass Schweden nach den Wahlen am 17.09.2006 eine handlungskräftige Opposition bekommt.
Kaum ein anderes Fensehprogramm ausser natürlich dem "Melodifestivalen" hat in diesem Jahr so viel Aufsehen erregt wie die Gespräche mit Persson.
Die letzte Folge gab nun Aufschluss über den Niedergang und die Wahlniederlage der Sozialdemokraten und besonders ihres langjährigen Chefs.
Persson selbst bezeichnete sich schon 2004 und 2005 als amtsmüde. Er sei nicht motiviert für einen weiteren Wahlkampf, aber möglicherweise könne man die Wahl auch mit Routine gewinnen. Gegen einen Gegner, der sich als Allianz für Schweden formiert hat und der mit seinen vier Parteivorsitzenden, die auf einem Sofa sitzen und an Tick, Trick und Track (und Truck) erinnern, durch Schweden fährt und dessen Vorsitzender intern "Seife" genannt wird, weil er jedem entgleitet und zu nichts eine deutliche Position hat.
Persson überschätzt sich selbst in diesen Monaten, man gewinnt keine Wahl nur durch Routine. Die Menschen merken, dass er amtsmüde ist, dass er sich mehr für seinen Altersruhesitz in Sörmland interessiert, einem Bauernhof für ca. 2 Millionen Euro ausserdem, den viele Parteigenossen als unangemessen protzig und teuer empfinden.
Dabei ist es vermessen zu verlangen, ein Ministerpräsident und eine Generaldirektorin des schwedischen Alkoholmonopols müsten in einer 2-Zimmerwohnung in einem mit sozialen Problemen belasteten Vorort wohnen. Dennoch, ausgerechnet die sozialdemokratische Aftonbladet (die einem konservativen norwegischen Verlag gehört...) berichtet immer wieder über den Hausbau mit Grafiken und Skizzen, so dass die Leser nun wissen, wo Persson und Steen ihren Whirpool stehen haben.
Der Sozialdemokrat hat Recht, sein Hauptgegner Reinfeldt ist nichtssagend und völlig ohne Ausstrahlung, aber der Politfuchs vermag nicht einzusehen, dass die Leute weniger Reinfeldt wollen, als ihn abwählen.
Der Mord an Anna Lindh hat der früheren Nachfolge einen Strich durch die Rechnung gemacht. Reinfeldt und seine zweitklassigen Mitstreiter Olofsson, Hägglund und Leijonborg (Persson: "Ein durch und durch unseriöser Politiker") hätten gegen die starke und gemeinhin beliebte Aussenministerin keine Chance gehabt, die Messerstiche Mihajlo Mihajlovics gegen Anna Lindh haben möglicherweise die schwedische Geschichtsschreibung verändert.
Und Margot Wallström wollte nicht. Persson bot ihr das Amt der Sozialministerin an, um sie aus der EU-Kommission wegzuholen und als seine Nachfolgerin aufzubauen, aber die persönlichen Gräben, an denen Persson nicht unschuldig ist, zwischen den Beiden waren zu gross.
Vorsitzender Persson ist nun zu Ende und die Debatte um die Sendung, die ungewöhnlich heiss war, nicht zuletzt wegen der zahlreichen andere disqualifizierenden Äusserungen des Ex-Regierungschefs wird bald verebben und von neuen politischen Diskussionen überflutet werden.
Mona Sahlin hat als erste Frau den Vorsitz der grössten Partei Schwedens übernommen. Es ist an der Zeit, dass Schweden nach den Wahlen am 17.09.2006 eine handlungskräftige Opposition bekommt.
23. März 2007
Ordförande Persson - Teil 3
Munter weiter geht es im schwedischen Fernsehen mit der Reihe "Ordförande Persson" um den ehemaligen Regierungschef Hans Göran Persson. Für mich, wie schon früher geschrieben, reine Unterhaltung. Besser als "Diese Drombuschs" und "Svensson, Svensson".
Zeitungen und Blogs quillen über mit Kommentaren, Zustimmung und Ablehnung scheinen sich erstaunlicherweise die Waage zu halten.
Teil 3 brachte Höhepunkte wie die Äußerung über seine ehemalige Stellvertreterin Margareta Winberg, die jetzt Schwedens Botschafterin in Brasilien ist: "Ja, alte, liebe Margareta. Eine äußerst merkwürdige Person, muss ich schon sagen. Hat in der letzten Zeit keine sonderlichen politischen Großtaten vollbracht. Wenige Leute haben eine so angenehme Reise gehabt wie Margareta Winberg."
Persson berichtete auch von der einsamen Zeit nach der Trennung von seiner Frau Annika, als er sich ganz alleine nach Harpsund zurückzog und wie dereinst Henry David Thoreau (Walden) Besinnung in den Wäldern suchte. "Ich hatte null sozialen Umgang. Ich hatte überhaupt keine Kontakte außerhalb meiner Arbeit, keine Freunde, keinen Umgang, der einer normalen sozialen Situation entspricht. Das waren schlechte Jahre, sehr schlechte Jahre."
Nur der König kommt durchweg gut weg. Ihm wird alles verziehen, auch die politisch unkluge Reise nach Brunei. Aber Persson weiß genau, dass jede Kritik am Monarchen seinem eigenen Nachruf schaden würde. Die Bernadottes sind tabu.
Der bewegendste Moment die Erinnerung an den Mord an Außenministerin Anna Lindh am 10. September 2003, inmitten der Vorbereitungen auf die Volksabstimmung. Persson musste die Nachricht vom Anschlag und dann die Todesnachricht verkünden und in diesem Moment ist er kein Schauspieler, da versagt seine Stimme ob der Grausamkeit und Sinnlosigkeit dieses furchtbaren Verbrechens an einer über alle Parteigrenzen hinweg geachteten Politikerin, Frau und Mutter.
"Ordförande Persson" ist ein noch nie dagewesenes Fernsehformat. Sowohl Fichtelius wie Persson beweisen ungeheuren Mut mit der Veröffentlichung. Dass es einzelne Blogschreiber und Journalisten gibt, die bedauern, dass die Angesprochenen nicht zur Sprache kommen können, ist bloße Kosmetik. Die meisten werden ohnehin jetzt im Nachhinein auf allen Kanälen interviewt.
Zum Schmunzeln noch ein Video, das ich bei Youtube fand: Chinesen besuchen Katrineholm, die erste politische Wirkungsstätte des großen Vorsitzenden Persson:
Zeitungen und Blogs quillen über mit Kommentaren, Zustimmung und Ablehnung scheinen sich erstaunlicherweise die Waage zu halten.
Teil 3 brachte Höhepunkte wie die Äußerung über seine ehemalige Stellvertreterin Margareta Winberg, die jetzt Schwedens Botschafterin in Brasilien ist: "Ja, alte, liebe Margareta. Eine äußerst merkwürdige Person, muss ich schon sagen. Hat in der letzten Zeit keine sonderlichen politischen Großtaten vollbracht. Wenige Leute haben eine so angenehme Reise gehabt wie Margareta Winberg."
Persson berichtete auch von der einsamen Zeit nach der Trennung von seiner Frau Annika, als er sich ganz alleine nach Harpsund zurückzog und wie dereinst Henry David Thoreau (Walden) Besinnung in den Wäldern suchte. "Ich hatte null sozialen Umgang. Ich hatte überhaupt keine Kontakte außerhalb meiner Arbeit, keine Freunde, keinen Umgang, der einer normalen sozialen Situation entspricht. Das waren schlechte Jahre, sehr schlechte Jahre."
Nur der König kommt durchweg gut weg. Ihm wird alles verziehen, auch die politisch unkluge Reise nach Brunei. Aber Persson weiß genau, dass jede Kritik am Monarchen seinem eigenen Nachruf schaden würde. Die Bernadottes sind tabu.
Der bewegendste Moment die Erinnerung an den Mord an Außenministerin Anna Lindh am 10. September 2003, inmitten der Vorbereitungen auf die Volksabstimmung. Persson musste die Nachricht vom Anschlag und dann die Todesnachricht verkünden und in diesem Moment ist er kein Schauspieler, da versagt seine Stimme ob der Grausamkeit und Sinnlosigkeit dieses furchtbaren Verbrechens an einer über alle Parteigrenzen hinweg geachteten Politikerin, Frau und Mutter.
"Ordförande Persson" ist ein noch nie dagewesenes Fernsehformat. Sowohl Fichtelius wie Persson beweisen ungeheuren Mut mit der Veröffentlichung. Dass es einzelne Blogschreiber und Journalisten gibt, die bedauern, dass die Angesprochenen nicht zur Sprache kommen können, ist bloße Kosmetik. Die meisten werden ohnehin jetzt im Nachhinein auf allen Kanälen interviewt.
Zum Schmunzeln noch ein Video, das ich bei Youtube fand: Chinesen besuchen Katrineholm, die erste politische Wirkungsstätte des großen Vorsitzenden Persson:
Wallström kritisch gegenüber den eigenen Reihen
Margot Wallström ist stellvertretende Vorsitzende der EU-Kommission. Vor einigen Jahren führten interne Auseinandersetzungen zum Rücktritt Wallströms aus der Regierung Persson und der Emigration nach Brüssel.
In einem Interview mit dem schwedischen Rundfunk kritisierte Margot Wallström nun die Haltung der eigenen Partei zur Europapolitik und stellte der konservativen Regierung Reinfeldt ein besseres Zeugnis aus.
Von Margot Wallström, die Wunschkandidatin des Volkes war als Nachfolgerin von Göran Persson als Vorsitzendem der Sozialdemokraten, hätte ich mir mehr politische Reife erwartet.
Wallström weiss, wie tief zerrissen die eigene Partei in Sachen EU ist und sie weiss, dass die bürgerlichen Parteien von jeher positiv gegenüber der EU eingestellt sind. Die eigene Partei jetzt noch einmal öffentlich zu kritisieren, ist eine billige Retourkutsche, die sich vor allem gegen ihren einstigen Vorsitzenden Persson richtet.
Wollte Wallström die eigene Partei in der Europapolitik verändern, hätte sie sich vergangenen Samstag zur Vorsitzenden wählen lassen können. Verantwortung abzulehnen und dann nachzukarten ist schlechter Stil.
In einem Interview mit dem schwedischen Rundfunk kritisierte Margot Wallström nun die Haltung der eigenen Partei zur Europapolitik und stellte der konservativen Regierung Reinfeldt ein besseres Zeugnis aus.
Von Margot Wallström, die Wunschkandidatin des Volkes war als Nachfolgerin von Göran Persson als Vorsitzendem der Sozialdemokraten, hätte ich mir mehr politische Reife erwartet.
Wallström weiss, wie tief zerrissen die eigene Partei in Sachen EU ist und sie weiss, dass die bürgerlichen Parteien von jeher positiv gegenüber der EU eingestellt sind. Die eigene Partei jetzt noch einmal öffentlich zu kritisieren, ist eine billige Retourkutsche, die sich vor allem gegen ihren einstigen Vorsitzenden Persson richtet.
Wollte Wallström die eigene Partei in der Europapolitik verändern, hätte sie sich vergangenen Samstag zur Vorsitzenden wählen lassen können. Verantwortung abzulehnen und dann nachzukarten ist schlechter Stil.
22. März 2007
Ordförande Persson – Es ist noch nicht vorbei
Wenn Regierungschefs abtreten, dann veröffentlichen sie gewöhnlich früher oder später ihre Memoiren. Willy Brandt schrieb seine Erinnerungen, in denen Mitte der 80er Jahre so weise Sätze wie „Berlin wird leben und die Mauer wird fallen“ standen, die mit dem heutigen Wissen als visionär gelten dürfen. Franz-Josef Strauss schrieb in seiner Autobiographie, dass sich sein Widerstand gegen das Naziregime unter anderem dadurch zeigte, dass er den Hitler-Gruss mit einem bayrischen „Grüss Gott!“ erwiderte. Ich habe das Buch danach nicht zu Ende gelesen.
Hans Göran Persson hat Schweden zehn Jahre lang regiert, etwas länger stand er der grössten Partei, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Schwedens vor, Sohn eines Bauarbeiters und einer Hausfrau. Abitur auf dem Technischen Gymnasium in Vingåker, abgebrochenes Studium. Bürgermeister in Katrineholm, wo man ihm den Beinamen „Hans som bestämmer“ (HSB) gab – der, der entscheidet.
Als Parteivorsitzender war er die vierte Wahl. Ingvar Carlsson wollte in den Neunziger Jahren den Führungsstab an Mona Sahlin übergeben, die an der Toblerone-Affäre scheiterte. Ein anderer Vorsitzender musste her. Jan Nygren lehnte ab, ebenso Ingela Thalén. Blieb nur der Finanzminister übrig.
Während all seiner Amtsjahre hat der Fernsehjournalist Erik Fichtelius Interviews mit Persson gemacht, konserviert und aufbewahrt für die Veröffentlichung nach dem Rücktritt des Regenten von allen Ämtern.
Knapp 60 Stunden nachdem nun doch Mona Sahlin, Toblerone hin oder her, zur ersten Vorsitzenden der grössten Partei des Landes gewählt worden ist, lief am Montagabend die erste von vier Folgen von „Ordförande Persson“ - Vorsitzender Persson.
Dass Göran Persson gerne austeilt, das weiss man in Schweden. Und so sparte er in den beiden bisher ausgestrahlten Folgen auch nicht mit Schmäh gegenüber seinen Zeitgenossen.
Das Denken sei gewiss nicht Mona Sahlins Stärke, Carl Bildt sei ein hoffnungsloser Fall, er (Persson) habe ihm verschiedene Posten angeboten, er habe alles abgelehnt. George W Bush wird masslos unterschätzt, Kim Il Sung ist ein kleiner Onkel in Freizeitkleidung mit hohen Absätzen, mit dem er fünf Stunden lang sehr kritisch debattiert hat und Helmut Kohl ass sicher zehn kleine Päckchen rohe Butter, als die Verhandlungen über den Euro zu scheitern drohten. Respekt erweist Göran Persson dem schwedischen König, der sicher kein grosser Redner sei, der aber mit viel Einfühlungsvermögen Situationen und Probleme gut erfassen könne.
Gudrun Schyman, Ex-Vorsitzende der Linkspartei, sei jemand, auf den man sich im Krisenfall nicht verlassen könne. Sie sei auch nicht ganz richtig beieinander. Auf einem Parteiführertreffen in Vorbereitung der schwedischen EU-Präsidentschaft 2001 hatte Schyman die Herren der Runde angefahren: „Ihr Kerle wollt immer nur herumficken, aber das geht nicht.“ Kein gutes Aushängeschild für Schweden, meint Persson und in der Runde, in der es eigentlich um anderes ging, sei eisiges Schweigen eingetreten. Schyman hat heute dementiert, auch der ehemalige Vorsitzende der Christdemokraten, Alf Svensson, sagte er könne sich an eine solche Äusserung Schymans nicht erinnern. Birger Schlaug, Sprecher der Grünen, verkündete heute, dass eine Besprechung, die nach Persson in der Sauna stattgefunden habe, in einer Küche absolviert worden wäre.
Persson erzählt, Fichtelius ist dabei. Manchmal im Büro in der Staatskanzlei Rosenbad, manchmal in der Natur, in Harpsund (Residenz) oder anderswo.
Und Schweden kommentiert. Die erste Folge von „Ordförande Persson“ sahen 1,3 Millionen. Nicht schlecht für ein politisches Programm. Weit entfernt vom nationalen Kleinod „Melodifestivalen“, aber doch.
Die Wahlen 2006, darin stimmen viele Betrachter überein, gingen für die Sozialdemokraten verloren, weil das Volk Persson überdrüssig geworden war, dieser es aber nicht bemerkt hatte. Die wirtschaftlichen Zahlen sprachen für den Premier und die Regierung. Es ging aufwärts und die Reinfeldts und Olofssons sonnen sich nun in rosigen Zahlen, deren Grundlage durch Perssons Regierung geschaffen wurde.
Aber er sollte weg. Ihn wollte man nicht mehr sehen. Man nahm ihm übel, dass er sich einen teuren Altersruhesitz in Sörmland zugelegt hatte, ein Gut mit mehreren Gebäuden, riesigem Grundstück mit seiner neuen Frau, der Chefin von Systembolaget und ehemaligen Staatssekretärin seines Finanzministeriums, Anitra Steen.
Seine Ausfälle gegenüber anderen waren recht unschwedisch. Maud Olofsson, die Vorsitzende der Zentrumspartei, fragte er, ob sie zugenommen habe. Seine eigene Sozialministerin Margot Wallström wusste damals nicht, dass er an einer Reform der Kindergartengebühren arbeitete. Gezeigt wird die Pressekonferenz anlässlich der Präsentation des sozialdemokratischen Wahlmanifests 1998, als Persson die „Maxtaxa“-Reform verkündet und nun versteht man den verständnislosen Seitenblick Wallströms zu ihrem Chef. Unmittelbar nach der Wahl trat sie von ihrem Posten aus familiären Gründen zurück. Sie rächte sich später als EU-Kommissarin in Brüssel, als sie Schwedens Regierung mehr Engagement in EU-Fragen abverlangte. Jetzt unter Mona Sahlin wird sie wieder aktiver für die Partei werden.
„Ordförande Persson“ ist kritisiert worden. Fichtelius sei zu nah an die Macht gerückt, gebe die journalistische Objektivität auf zugunsten von Hofberichterstattung. Es fehlten die Stimmen der anderen Zeitgenossen. Nur Persson dürfe reden, es ergebe kein ausgewogenes Bild.
Neidisch sind viele, dass Fichtelius mit seinem Projekt etwas weltweit noch nie Dagewesenes schafft. Einen Regierungschef über dessen gesamte Amtszeit immer wieder zu befragen. Hofberichterstattung ist das indes nicht, denn Fichtelius lässt Persson reden und enthält sich aller Kommentare. Und die Zeitgenossen, über die gesprochen wird, sind so aufgebracht, dass sie ihre Kommentare in den Medien abgeben.
Zwei Folgen stehen noch aus, dann ist die Ära Persson erst einmal ad acta gelegt. Allerdings wird TV-Journalist Fichtelius noch im April ein Buch zur Sendung auf den Markt bringen. Titel ist ein Zitat des Ex-Premiers, das seine Situation an der Spitze der Regierung zusammenfasst: „Aldrig ensam – alltid ensam“ - Niemals allein, immer allein. Der Interviewte sitzt derweil an seiner Autobiographie, die vermutlich im Herbst erscheinen wird. Ob das Buch ein ähnlicher Verkaufsschlager wird wie Ex-Finanzminister Kjell-Olof Feldts Buch „Alla dessa dagar“ (All jene Tage) bleibt abzuwarten. Perssons Pension ist hoch genug, um nicht darauf angewiesen zu sein.
Hans Göran Persson hat Schweden zehn Jahre lang regiert, etwas länger stand er der grössten Partei, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Schwedens vor, Sohn eines Bauarbeiters und einer Hausfrau. Abitur auf dem Technischen Gymnasium in Vingåker, abgebrochenes Studium. Bürgermeister in Katrineholm, wo man ihm den Beinamen „Hans som bestämmer“ (HSB) gab – der, der entscheidet.
Als Parteivorsitzender war er die vierte Wahl. Ingvar Carlsson wollte in den Neunziger Jahren den Führungsstab an Mona Sahlin übergeben, die an der Toblerone-Affäre scheiterte. Ein anderer Vorsitzender musste her. Jan Nygren lehnte ab, ebenso Ingela Thalén. Blieb nur der Finanzminister übrig.
Während all seiner Amtsjahre hat der Fernsehjournalist Erik Fichtelius Interviews mit Persson gemacht, konserviert und aufbewahrt für die Veröffentlichung nach dem Rücktritt des Regenten von allen Ämtern.
Knapp 60 Stunden nachdem nun doch Mona Sahlin, Toblerone hin oder her, zur ersten Vorsitzenden der grössten Partei des Landes gewählt worden ist, lief am Montagabend die erste von vier Folgen von „Ordförande Persson“ - Vorsitzender Persson.
Dass Göran Persson gerne austeilt, das weiss man in Schweden. Und so sparte er in den beiden bisher ausgestrahlten Folgen auch nicht mit Schmäh gegenüber seinen Zeitgenossen.
Das Denken sei gewiss nicht Mona Sahlins Stärke, Carl Bildt sei ein hoffnungsloser Fall, er (Persson) habe ihm verschiedene Posten angeboten, er habe alles abgelehnt. George W Bush wird masslos unterschätzt, Kim Il Sung ist ein kleiner Onkel in Freizeitkleidung mit hohen Absätzen, mit dem er fünf Stunden lang sehr kritisch debattiert hat und Helmut Kohl ass sicher zehn kleine Päckchen rohe Butter, als die Verhandlungen über den Euro zu scheitern drohten. Respekt erweist Göran Persson dem schwedischen König, der sicher kein grosser Redner sei, der aber mit viel Einfühlungsvermögen Situationen und Probleme gut erfassen könne.
Gudrun Schyman, Ex-Vorsitzende der Linkspartei, sei jemand, auf den man sich im Krisenfall nicht verlassen könne. Sie sei auch nicht ganz richtig beieinander. Auf einem Parteiführertreffen in Vorbereitung der schwedischen EU-Präsidentschaft 2001 hatte Schyman die Herren der Runde angefahren: „Ihr Kerle wollt immer nur herumficken, aber das geht nicht.“ Kein gutes Aushängeschild für Schweden, meint Persson und in der Runde, in der es eigentlich um anderes ging, sei eisiges Schweigen eingetreten. Schyman hat heute dementiert, auch der ehemalige Vorsitzende der Christdemokraten, Alf Svensson, sagte er könne sich an eine solche Äusserung Schymans nicht erinnern. Birger Schlaug, Sprecher der Grünen, verkündete heute, dass eine Besprechung, die nach Persson in der Sauna stattgefunden habe, in einer Küche absolviert worden wäre.
Persson erzählt, Fichtelius ist dabei. Manchmal im Büro in der Staatskanzlei Rosenbad, manchmal in der Natur, in Harpsund (Residenz) oder anderswo.
Und Schweden kommentiert. Die erste Folge von „Ordförande Persson“ sahen 1,3 Millionen. Nicht schlecht für ein politisches Programm. Weit entfernt vom nationalen Kleinod „Melodifestivalen“, aber doch.
Die Wahlen 2006, darin stimmen viele Betrachter überein, gingen für die Sozialdemokraten verloren, weil das Volk Persson überdrüssig geworden war, dieser es aber nicht bemerkt hatte. Die wirtschaftlichen Zahlen sprachen für den Premier und die Regierung. Es ging aufwärts und die Reinfeldts und Olofssons sonnen sich nun in rosigen Zahlen, deren Grundlage durch Perssons Regierung geschaffen wurde.
Aber er sollte weg. Ihn wollte man nicht mehr sehen. Man nahm ihm übel, dass er sich einen teuren Altersruhesitz in Sörmland zugelegt hatte, ein Gut mit mehreren Gebäuden, riesigem Grundstück mit seiner neuen Frau, der Chefin von Systembolaget und ehemaligen Staatssekretärin seines Finanzministeriums, Anitra Steen.
Seine Ausfälle gegenüber anderen waren recht unschwedisch. Maud Olofsson, die Vorsitzende der Zentrumspartei, fragte er, ob sie zugenommen habe. Seine eigene Sozialministerin Margot Wallström wusste damals nicht, dass er an einer Reform der Kindergartengebühren arbeitete. Gezeigt wird die Pressekonferenz anlässlich der Präsentation des sozialdemokratischen Wahlmanifests 1998, als Persson die „Maxtaxa“-Reform verkündet und nun versteht man den verständnislosen Seitenblick Wallströms zu ihrem Chef. Unmittelbar nach der Wahl trat sie von ihrem Posten aus familiären Gründen zurück. Sie rächte sich später als EU-Kommissarin in Brüssel, als sie Schwedens Regierung mehr Engagement in EU-Fragen abverlangte. Jetzt unter Mona Sahlin wird sie wieder aktiver für die Partei werden.
„Ordförande Persson“ ist kritisiert worden. Fichtelius sei zu nah an die Macht gerückt, gebe die journalistische Objektivität auf zugunsten von Hofberichterstattung. Es fehlten die Stimmen der anderen Zeitgenossen. Nur Persson dürfe reden, es ergebe kein ausgewogenes Bild.
Neidisch sind viele, dass Fichtelius mit seinem Projekt etwas weltweit noch nie Dagewesenes schafft. Einen Regierungschef über dessen gesamte Amtszeit immer wieder zu befragen. Hofberichterstattung ist das indes nicht, denn Fichtelius lässt Persson reden und enthält sich aller Kommentare. Und die Zeitgenossen, über die gesprochen wird, sind so aufgebracht, dass sie ihre Kommentare in den Medien abgeben.
Zwei Folgen stehen noch aus, dann ist die Ära Persson erst einmal ad acta gelegt. Allerdings wird TV-Journalist Fichtelius noch im April ein Buch zur Sendung auf den Markt bringen. Titel ist ein Zitat des Ex-Premiers, das seine Situation an der Spitze der Regierung zusammenfasst: „Aldrig ensam – alltid ensam“ - Niemals allein, immer allein. Der Interviewte sitzt derweil an seiner Autobiographie, die vermutlich im Herbst erscheinen wird. Ob das Buch ein ähnlicher Verkaufsschlager wird wie Ex-Finanzminister Kjell-Olof Feldts Buch „Alla dessa dagar“ (All jene Tage) bleibt abzuwarten. Perssons Pension ist hoch genug, um nicht darauf angewiesen zu sein.
14. März 2007
Sahlin doch die Falsche?
Eine Meinungsumfrage für den recht neuen Fernsehsender TV8 ergab, dass 4 von 10 Schweden glauben, dass die Chancen mit Mona Sahlin als kommender Vorsitzender der schwedischen Sozialdemokratie bei den nächsten Wahlen steigen würden.
Natürlich führt dies gleich zu Artikeln wie "Sahlin wird wenig zugetraut" in der konservativen Svenska Dagbladet.
Denn im Umkehrschluss analysieren die Zeitungsmacher, dass sechs von zehn Schweden eben anderer Auffassung sein müssen.
Diese sinnlose Umfrage zeigt, wie sehr man mit Statistiken manipulieren kann und man kann dem alten Winston Churchill nur recht geben, dem ein tiefes Misstrauen gegen Statistik innewohnte.
Denn die Überschrift könnte doch auch positiv lauten: "40% aller Schweden sicher: Mit Sahlin steigen die Wahlchancen".
Natürlich führt dies gleich zu Artikeln wie "Sahlin wird wenig zugetraut" in der konservativen Svenska Dagbladet.
Denn im Umkehrschluss analysieren die Zeitungsmacher, dass sechs von zehn Schweden eben anderer Auffassung sein müssen.
Diese sinnlose Umfrage zeigt, wie sehr man mit Statistiken manipulieren kann und man kann dem alten Winston Churchill nur recht geben, dem ein tiefes Misstrauen gegen Statistik innewohnte.
Denn die Überschrift könnte doch auch positiv lauten: "40% aller Schweden sicher: Mit Sahlin steigen die Wahlchancen".
17. Januar 2007
Mona Sahlin gab ihr Ja-Wort
Es ist keine Sensation, nicht einmal eine Überraschung. Dagens Nyheter meldet in seiner Internet-Auflage, dass nach all den Neins von Margot Wallström, Karin Jämtin, Ulrica Messing und wer weiß noch wem Mona Sahlin heute "ja" gesagt hat.
Verheiratet ist sie schon lange mit einem Mann namens Bosse (sprich: Busse). Aber die Frage bezog sich auf die Bereitschaft, im März auf dem sozialdemokratischen Parteikongress als Kandidatin für den Vorsitz anzutreten.
Damit steht fest, dass sie auch gewählt werden wird. Und vielleicht wird sie bei den nächsten Reichstagswahlen 2010 dann auch die erste weibliche Regierungschefin im nach eigener Aussage gleichberechtigsten Land der Welt.
Es ist die große Revanche der Mona Sahlin. Vor zehn Jahren war sie down and out und alle schrieben sie ab (siehe frühere Posts). Jetzt feiert sie ein Comeback wie übrigens auch bald Rocky alias Sylvester Stallone. Bald in Ihren Lichtspielhäusern.
Verheiratet ist sie schon lange mit einem Mann namens Bosse (sprich: Busse). Aber die Frage bezog sich auf die Bereitschaft, im März auf dem sozialdemokratischen Parteikongress als Kandidatin für den Vorsitz anzutreten.
Damit steht fest, dass sie auch gewählt werden wird. Und vielleicht wird sie bei den nächsten Reichstagswahlen 2010 dann auch die erste weibliche Regierungschefin im nach eigener Aussage gleichberechtigsten Land der Welt.
Es ist die große Revanche der Mona Sahlin. Vor zehn Jahren war sie down and out und alle schrieben sie ab (siehe frühere Posts). Jetzt feiert sie ein Comeback wie übrigens auch bald Rocky alias Sylvester Stallone. Bald in Ihren Lichtspielhäusern.
9. Januar 2007
Johansson gegen Sahlin
Nun muss ich mich korrigieren. Ich hatte geschrieben, dass sich Göteborgs sozialdemokratischer Parteibezirk hinter Mona Sahlin als potentielle neue Parteivorsitzende gestellt hatte. Das stimmt auch, allerdings äußerte sich Göteborgs Bürgermeister Göran Johansson heute eher kritisch zu Sahlin und meinte, es gäbe auch gute männliche Kandidaten und es sei ein Fehler unbedingt eine Frau für den Posten zu wollen.
7. Januar 2007
Göteborg will Sahlin
In der Frage der Nachfolge des Vorsitzenden der Sozialdemokratie in Schweden scheint die Entscheidung nun endgültig gefallen. Der mächtige Parteibezirk in Göteborg hat sich für Mona Sahlin (49) ausgesprochen. Göteborg war eine der wenigen Gemeinden in Schweden bei den Reichstags-, Provinziallandtags- und Gemeindewahlen, in denen die SAP zulegen konnte.
Der Göteborger Kommunalpolitiker Göran Johansson (*1945) gehört zu den einflussreichsten lokalen Größen des Landes. Ursprünglich Metallarbeiter und Gewerkschaftsvorsitzender hat er seit 1994 den Vorsitz im Göteborger Gemeindeparlament inne. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass Göteborg sich von einer Industriestadt mit Produktion im Auto- und Schiffsbau zu einer Stadt des Wissens entwickelt hat, in der zukunftsträchtige Technologien und Forschung eine wichtige Rolle spielen.
Der Göteborger Kommunalpolitiker Göran Johansson (*1945) gehört zu den einflussreichsten lokalen Größen des Landes. Ursprünglich Metallarbeiter und Gewerkschaftsvorsitzender hat er seit 1994 den Vorsitz im Göteborger Gemeindeparlament inne. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass Göteborg sich von einer Industriestadt mit Produktion im Auto- und Schiffsbau zu einer Stadt des Wissens entwickelt hat, in der zukunftsträchtige Technologien und Forschung eine wichtige Rolle spielen.
4. Januar 2007
Sahlin oder Messing oder doch Nuder?
Nachdem ich gestern enthüllt hatte, dass Mona Sahlin vermutlich die Favoritin der sozialdemokratischen Partei auf die Nachfolge des im März zurücktretenden Parteivorsitzenden Göran Persson ist, reagieren heute darauf die schwedischen Zeitungen.
Die liberale und international renommierte Dagens Nyheter schreibt heute, dass Sahlin schon kurz vor Weihnachten darüber informiert worden sei, dass es nicht unerheblichen Widerstand unter den Genossen gegen eine eventuelle Kandidatur der 49-Jährigen gäbe.
Zwar stehe Sahlin immer noch ganz oben auf einer internen Liste, die im Parteihauptquartier gestern Nachmittag diskutiert wurde, aber Mona Sahlin sei aufgerufen worden, über die Feiertage in sich zu gehen und über die Situation nachzudenken.
Gegen Sahlin sprechen aus Sicht des linken Flügels der Partei vor allem ideologische Gründe. Sie hatte sich vor einigen Jahren für eine Liberalisierung des Arbeitsrechts und des Kündigungsschutzes ausgesprochen und ebenfalls für die Möglichkeit eingesetzt, sogenannte haushaltsnahe Dienste steuerlich zu begünstigen. In vielen schwedischen Haushalten müssen beide Erwachsenen arbeiten, damit man sich finanziell im teuren Wohlfartsstaat behaupten kann. Viele Schweden engagieren deshalb vor allem polnische Frauen, die das Haus oder die Wohnung putzen, vorbei an der Steuer und an den Sozialabgaben. Die neue bürgerliche Regierung will die Steuervergünstigung in der laufenden Legislaturperiode einführen.
Wie auch immer das Rennen ausgeht, in dem nun trotz eines angeblichen Neins auch Ulrica Messing wieder als Kandidatin genannt wird: Von einer Entscheidung, die offiziell nie gefällt wurde, können die Sozialdemokraten nicht mehr zurück. Es muss eine Frau gekürt werden. Zu stark waren alle Äußerungen in diese Richtung nach den verlorenen Wahlen im Herbst, als dass die Wählerschaft es der Partei nicht sehr übel nehmen würde, wenn nun möglicherweise doch der Technokrat Pär Nuder (Ex-Finanzminister) oder der Sunnyboy Thomas Bodström (Ex-Justizminister) das höchste Parteiamt bekleiden würden.
Die liberale und international renommierte Dagens Nyheter schreibt heute, dass Sahlin schon kurz vor Weihnachten darüber informiert worden sei, dass es nicht unerheblichen Widerstand unter den Genossen gegen eine eventuelle Kandidatur der 49-Jährigen gäbe.
Zwar stehe Sahlin immer noch ganz oben auf einer internen Liste, die im Parteihauptquartier gestern Nachmittag diskutiert wurde, aber Mona Sahlin sei aufgerufen worden, über die Feiertage in sich zu gehen und über die Situation nachzudenken.
Gegen Sahlin sprechen aus Sicht des linken Flügels der Partei vor allem ideologische Gründe. Sie hatte sich vor einigen Jahren für eine Liberalisierung des Arbeitsrechts und des Kündigungsschutzes ausgesprochen und ebenfalls für die Möglichkeit eingesetzt, sogenannte haushaltsnahe Dienste steuerlich zu begünstigen. In vielen schwedischen Haushalten müssen beide Erwachsenen arbeiten, damit man sich finanziell im teuren Wohlfartsstaat behaupten kann. Viele Schweden engagieren deshalb vor allem polnische Frauen, die das Haus oder die Wohnung putzen, vorbei an der Steuer und an den Sozialabgaben. Die neue bürgerliche Regierung will die Steuervergünstigung in der laufenden Legislaturperiode einführen.
Wie auch immer das Rennen ausgeht, in dem nun trotz eines angeblichen Neins auch Ulrica Messing wieder als Kandidatin genannt wird: Von einer Entscheidung, die offiziell nie gefällt wurde, können die Sozialdemokraten nicht mehr zurück. Es muss eine Frau gekürt werden. Zu stark waren alle Äußerungen in diese Richtung nach den verlorenen Wahlen im Herbst, als dass die Wählerschaft es der Partei nicht sehr übel nehmen würde, wenn nun möglicherweise doch der Technokrat Pär Nuder (Ex-Finanzminister) oder der Sunnyboy Thomas Bodström (Ex-Justizminister) das höchste Parteiamt bekleiden würden.
3. Januar 2007
Nachrichtenarmer Jahresbeginn
Nicht viel los im Reich des Carl XVI Gustav. Er kann sich in aller Ruhe das Kaminfeuer anmachen lassen und mit Silvia den einen oder anderen gemütlichen Video-, oder sagt man schon DVD-Abend (?), machen.
Die Sozis suchen immer noch nach einer Frau. Eine, die den abgewählten Ministerpräsidenten Göran "HSB" ("Han som bestämmer", Der, der bestimmt) Persson an der Spitze der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Schwedens ersetzen soll. Und eine Frau soll es sein. Erklärte Favoritin der Herzen und der Vernunft war Margot Wallström, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission. Aber die hat schon früh und dann immer wieder signalisieren lassen, dass sie nicht will. Brüssel ist angenehmer, sagt sie zwar nicht, aber man versteht den Untertext.
Wie immer in Schweden, wenn man jemanden sucht, der zu kandidieren bereit ist, gründet man erst mal eine entsprechende Wahlkommission ("valberedning"), die in quälend langsamer Arbeit alles richtig macht. Und die fragt Leute, ob sie Lust haben zu kandidieren, fragt andere Leute, was sie denken würden, wenn XY kandidieren würde usw. Und am nächsten Tag stehen die Antworten der Gefragten in den Zeitungen.
Eine Absage nach der anderen, scheints. Karin Jämtin entschied sich für den Oppositionsposten in Stockholm, wo eh alle vier Jahre ein Machtwechsel ansteht, weil der Stockholmer stets unzufrieden mit den Gewählten ist. Also wird Jämtin dem Gesetz der Serie nach 2010 Bürgermeisterin ("finansborgarråd") der Hauptstadt.
Ulrica Messing (*1968) war jetzt an der Reihe gefragt zu werden und angeblich hat auch sie nein gesagt. Messing war es, die Schweden 1999 ein einzigartiges Gesetz verschaffte, das im Volks- und Medienmund sogenannte "Sexkaufgesetz". Das Gesetz stellt den Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe. Damit wurden nicht die Prostituierten, sondern die Freier kriminalisiert. Es hat die Prostitution jedoch nicht abgeschafft. Viele vor allem osteuropäische Frauen werden freiwillig oder zwangsweise nach Schweden importiert und gehen nun, geschützt vor dem möglichen Schutz der Öffentlichkeit in Wohnungen irgendwo in der Nachbarschaft von Sven Svensson ihrem Gewerbe nach. Schweden sieht dies als eine Errungenschaft, an der sich die Welt ein Beispiel nehmen sollte.
Deshalb gab es Anfang letzten Jahres im Land auch eine große Diskussion darüber, ob die schwedische Fußballnationalmannschaft nicht besser die Fußball-WM in Deutschland boykottieren solle, da Deutschland in diesen Dingen nach Ansicht von Meinungsmachern sehr rückständig sei und den Handel mit Frauen begünstige. Skizzen von sogenannten Verrichtungsboxen nach holländischem Modell entsetzten viele Schweden und bestätigten das vorhandene Deutschlandbild.
Das Nationalteam boykottierte die WM dann doch nicht, Korrespondenten schwedischer Tageszeitungen gingen dem Thema Prostitution und WM nach und in einem Berliner Etablissement, so konstatierte ein Journalist der angesehenen Zeitung Svenska Dagbladet (konservativ) war nichts los und die Mitarbeiterinnen beklagten sich darüber, dass alles nur Fußball gucke. Lediglich drei Landsleute, zwei davon in gelb-blauen Trikots saßen an der Bar. Dann verlor das Team nach einer Katastrophenleistung mit 0:2 gegen Deutschland im Achtelfinale und viele meinten, es wäre besser gewesen zu boykottieren, dann hätte man sich die Schande von München erspart. Fredrik Ljungberg. Kapitän und Fußballer des Jahres 2006, spricht heute noch nicht über das Achtelfinale, das man auch mit 0:7 hätte verlieren können.
Ulrica Messing hat einerseits wesentlichen Anteil daran, dass das "Sexkaufgesetz" Schweden auf der moralischen Weltkarte einen weiteren Stern eingebracht hat. Und richtig so, sage ich mal hier an dieser Stelle. Gleichzeitig hat Ulrica Messing auch als Wirtschaftsministerin wesentlich dazu beigetragen, dass Schweden seinen Platz in den "Top Ten" der Waffenexporteure wieder sichern konnte.
Mona Sahlin (*1957) ist dann wohl die einzige, die übrig bleiben wird. Ihr schnappte die Männergarde in der eigenen Partei anno 1995/96 den schon längst versprochenen Posten an der Parteispitze weg, weil sie mit der Kreditkarte des schwedischen Reichstags mal Toblerone und Windeln eingekauft hatte und eine Menge privater Rechnungen zu spät bezahlt hatte. Wochenlang veranstalteten die Medien eine Hetzjagd auf Mona, so dass sie letztlich klein beigeben musste, das war die Zeit, als das Wort "Time-Out" ins Schwedische kam. Männliche Politikerkollegen besuchten sogar Striplokale in Paris und zahlten mit der Kreditkarte der Steuerzahler und als sie von Journalisten darauf hingewiesen wurden, reagierten sie erstaunt, es sei so verraucht gewesen, dass sie damals nicht gesehen hätten, dass fast alle anwesenden Frauen nackt gewesen seien. Mona Sahlin musste ins zweite Glied zurücktreten und HSB wurde Ministerpräsident. Und nun hat Mona zehn Jahre gewartet und die Zeit ist gekommen.
So sehr ich die Kampagne gegen sie missbilligt habe, so sehr halte ich sie leider auch für ungeeignet für den höchsten Posten des Landes.
Parteivorsitzende höchster Posten? Nein, selbstredend gehe ich davon aus, dass die im Oktober angetretene bürgerliche Regierung des 41-Jährigen Fredrik Reinfeldt nur ein Intermezzo sein wird. Man kann dem Volk nur einmal weis machen, dass golfschlägerschwingende konservative Millionäre die neuen Vertreter der Arbeiterklasse sind. Sorry, Herr Reinfeldt.
Nein, nichts Neues aus dem Norden zu Beginn des Jahres. Musikbyrån, ein beliebtes Magazin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens SVT, gab gestern seine Liste mit den 50 besten CDs des Vorjahres bekannt. Wie so oft finden sich viele Titel darunter, von denen man/frau nie gehört hat. Beste CD des Jahres nach Ansicht der Programmacher: "Return To Cookie Mountain" von der Gruppe TV On The Radio. Von denen hatte zumindest ich noch nie gehört...
Die Sozis suchen immer noch nach einer Frau. Eine, die den abgewählten Ministerpräsidenten Göran "HSB" ("Han som bestämmer", Der, der bestimmt) Persson an der Spitze der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Schwedens ersetzen soll. Und eine Frau soll es sein. Erklärte Favoritin der Herzen und der Vernunft war Margot Wallström, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission. Aber die hat schon früh und dann immer wieder signalisieren lassen, dass sie nicht will. Brüssel ist angenehmer, sagt sie zwar nicht, aber man versteht den Untertext.
Wie immer in Schweden, wenn man jemanden sucht, der zu kandidieren bereit ist, gründet man erst mal eine entsprechende Wahlkommission ("valberedning"), die in quälend langsamer Arbeit alles richtig macht. Und die fragt Leute, ob sie Lust haben zu kandidieren, fragt andere Leute, was sie denken würden, wenn XY kandidieren würde usw. Und am nächsten Tag stehen die Antworten der Gefragten in den Zeitungen.
Eine Absage nach der anderen, scheints. Karin Jämtin entschied sich für den Oppositionsposten in Stockholm, wo eh alle vier Jahre ein Machtwechsel ansteht, weil der Stockholmer stets unzufrieden mit den Gewählten ist. Also wird Jämtin dem Gesetz der Serie nach 2010 Bürgermeisterin ("finansborgarråd") der Hauptstadt.
Ulrica Messing (*1968) war jetzt an der Reihe gefragt zu werden und angeblich hat auch sie nein gesagt. Messing war es, die Schweden 1999 ein einzigartiges Gesetz verschaffte, das im Volks- und Medienmund sogenannte "Sexkaufgesetz". Das Gesetz stellt den Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe. Damit wurden nicht die Prostituierten, sondern die Freier kriminalisiert. Es hat die Prostitution jedoch nicht abgeschafft. Viele vor allem osteuropäische Frauen werden freiwillig oder zwangsweise nach Schweden importiert und gehen nun, geschützt vor dem möglichen Schutz der Öffentlichkeit in Wohnungen irgendwo in der Nachbarschaft von Sven Svensson ihrem Gewerbe nach. Schweden sieht dies als eine Errungenschaft, an der sich die Welt ein Beispiel nehmen sollte.
Deshalb gab es Anfang letzten Jahres im Land auch eine große Diskussion darüber, ob die schwedische Fußballnationalmannschaft nicht besser die Fußball-WM in Deutschland boykottieren solle, da Deutschland in diesen Dingen nach Ansicht von Meinungsmachern sehr rückständig sei und den Handel mit Frauen begünstige. Skizzen von sogenannten Verrichtungsboxen nach holländischem Modell entsetzten viele Schweden und bestätigten das vorhandene Deutschlandbild.
Das Nationalteam boykottierte die WM dann doch nicht, Korrespondenten schwedischer Tageszeitungen gingen dem Thema Prostitution und WM nach und in einem Berliner Etablissement, so konstatierte ein Journalist der angesehenen Zeitung Svenska Dagbladet (konservativ) war nichts los und die Mitarbeiterinnen beklagten sich darüber, dass alles nur Fußball gucke. Lediglich drei Landsleute, zwei davon in gelb-blauen Trikots saßen an der Bar. Dann verlor das Team nach einer Katastrophenleistung mit 0:2 gegen Deutschland im Achtelfinale und viele meinten, es wäre besser gewesen zu boykottieren, dann hätte man sich die Schande von München erspart. Fredrik Ljungberg. Kapitän und Fußballer des Jahres 2006, spricht heute noch nicht über das Achtelfinale, das man auch mit 0:7 hätte verlieren können.
Ulrica Messing hat einerseits wesentlichen Anteil daran, dass das "Sexkaufgesetz" Schweden auf der moralischen Weltkarte einen weiteren Stern eingebracht hat. Und richtig so, sage ich mal hier an dieser Stelle. Gleichzeitig hat Ulrica Messing auch als Wirtschaftsministerin wesentlich dazu beigetragen, dass Schweden seinen Platz in den "Top Ten" der Waffenexporteure wieder sichern konnte.
Mona Sahlin (*1957) ist dann wohl die einzige, die übrig bleiben wird. Ihr schnappte die Männergarde in der eigenen Partei anno 1995/96 den schon längst versprochenen Posten an der Parteispitze weg, weil sie mit der Kreditkarte des schwedischen Reichstags mal Toblerone und Windeln eingekauft hatte und eine Menge privater Rechnungen zu spät bezahlt hatte. Wochenlang veranstalteten die Medien eine Hetzjagd auf Mona, so dass sie letztlich klein beigeben musste, das war die Zeit, als das Wort "Time-Out" ins Schwedische kam. Männliche Politikerkollegen besuchten sogar Striplokale in Paris und zahlten mit der Kreditkarte der Steuerzahler und als sie von Journalisten darauf hingewiesen wurden, reagierten sie erstaunt, es sei so verraucht gewesen, dass sie damals nicht gesehen hätten, dass fast alle anwesenden Frauen nackt gewesen seien. Mona Sahlin musste ins zweite Glied zurücktreten und HSB wurde Ministerpräsident. Und nun hat Mona zehn Jahre gewartet und die Zeit ist gekommen.
So sehr ich die Kampagne gegen sie missbilligt habe, so sehr halte ich sie leider auch für ungeeignet für den höchsten Posten des Landes.
Parteivorsitzende höchster Posten? Nein, selbstredend gehe ich davon aus, dass die im Oktober angetretene bürgerliche Regierung des 41-Jährigen Fredrik Reinfeldt nur ein Intermezzo sein wird. Man kann dem Volk nur einmal weis machen, dass golfschlägerschwingende konservative Millionäre die neuen Vertreter der Arbeiterklasse sind. Sorry, Herr Reinfeldt.
Nein, nichts Neues aus dem Norden zu Beginn des Jahres. Musikbyrån, ein beliebtes Magazin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens SVT, gab gestern seine Liste mit den 50 besten CDs des Vorjahres bekannt. Wie so oft finden sich viele Titel darunter, von denen man/frau nie gehört hat. Beste CD des Jahres nach Ansicht der Programmacher: "Return To Cookie Mountain" von der Gruppe TV On The Radio. Von denen hatte zumindest ich noch nie gehört...
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