7. August 2007

Das mit dem Duzen

Dagens Nyheters Deutschlandkorrespondent Jan Lewenhagen beschäftigt sich auf einer ganzen Seite mit dem Thema "Duzen" in Deutschland.

Und kommt zu dem Schluss, dass das eine empfindliche Frage ist.

Ich habe immer geglaubt, dass sich das in Deutschland ändern würde. Man studierte ein paar Jahre an der Uni, duzte alle Mitstudierenden und siezte die Professoren und glaubte, allmählich würde sich das Duzen in kleinen Wellen übers ganze Land ausbreiten.

Tatsächlich gibt es viele Kreise, Lewenhagen spricht von einer Reitschule, dem Gymnastikstudio, wo Duzen allgemein verbreitet ist.

Auch in meiner Berufswelt mit deutschen Kollegen sagt man gewöhnlich sehr schnell oder sofort "du".

Allerdings ist auch mein Chef eisern entschlossen, das "Siezen" im dritten Jahrtausend zur einzig möglichen Anredeform zu machen. Dahingegen duzt er flugs alle wildfremden Aussenstehenden, die sein Büro betreten.

Es hat offenbar etwas mit Autorität und Respekt zu tun.

Joschka Fischer, dereinst Deutschlands Aussenminister und davor noch Umweltminister im Bundesland Hessen, hatte sich mit seinem Koalitionspartner, dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Holger Börner, völlig zerstritten.

Die beiden duzten sich, waren also Joschka und Holger.

Als Fischer die Koalition der Grünen mit der SPD im Parlament aufkündigte, sprach er die berühmten Worte: "Herr Ministerpräsident, mit Verlaub gesagt, Sie sind ein Arschloch!" Nun ist man im Deutschen so unglaublich altmodisch, wie Lewenhagen richtig beobachtet, dass Menschen, die sich eigentlich duzen, sich in "feinen" öffentlichen Zusammenhängen dann doch siezen müssen.

Das führt dann bei einer feierlichen Anrede an den deutschen Aussenminister zur folgenden Lächerlichkeit:

"Werter Herr Aussenminister, meine Damen und Herren, lieber Joschka".

Unter 1) und 3) ist dieselbe Person angesprochen. Wirklich geschehen und geschieht tagtäglich in unserem Land.

Lewenhagen kommt Deutschland rückständig vor, das betont er, wenn er referiert, welche Fragen man in Deutschland zur Zeit diskutiert, die in Schweden längst alle gelöst sind.

Rauchen in Restaurants. Deutschland hadert und zaudert. Die Tabakindustrie verkauft halt die meisten Zigaretten in Europa in Deutschland und beeinflusst die öffentliche Meinung.

Tarifverträge gelten in ganz Schweden. Es gibt selbstverständlich Mindestlöhne im Königreich. Und das Schulsystem "duftet nach dem 19. Jahrhundert", schreibt Lewenhagen. Recht hat er.

Deutschland kann in der Tat viel von Schweden lernen.

Kann Schweden etwas von Deutschland lernen? Die Frage lasse ich den Lesern des Blogs zur Kommentierung offen.

Kommentare:

Marcel Normann hat gesagt…

Hmm, also Recht hat er bei der Einschätzung Deutschlands ohne Frage. Nur haben wir eine ganz andere Wirtschaftsstruktur als Schweden, deshalb finde ich die direkten Vergleiche schwierig. Bloß die Sache mit dem Duzen kann ich nicht nachvollziehen. Ich finde, das Siezen ist eine wundervolle zusätzliche Möglichkeit, Respekt oder auch Distanz auszudrücken.

Hansbaer hat gesagt…

Da sage ich nur: "You can say you to me"

Wem ging es noch nie so, dass man vergessen hatte, ob man nun schon das Du angeboten bekommen hatte oder nicht, und dies dann mit Hilfskonstruktionen umschiffen musste?

Dennoch tut man dem Sie unrecht, wenn es komplett verteufelt. Es kann manchmal von Vorteil sein, einen Abstand zwischen sich und den Gesprächspartner zu bringen, sei es als Respektbezeugung oder schlicht als Zeichen dessen, dass man den Gesprächspartner kaum kennt. Da das schwedische Du diesbezüglich neutral ist, gibt es keine Ausdrucksmöglichkeiten hierfür.

Die Vermutung, das studentische Umfeld könnte das deutsche "Sie" verschwinden lassen, teile ich nicht. Zwar ist es unter Studenten üblich, sich automatisch mit du anzureden. Jedoch ist das eine Art stilles Abkommen.

Bei allen offiziellen Anlässen erwartet man aber das Sie. Ich frage mich gerade, ob ich einem Bankangestellten die notwendige Seriösität zusprechen würde, wenn dieser mich gleich mit du anspricht. Ich selbst würde auch ungerne bei einer deutschen Behörde anrufen und mit "Du, ich hätte da eine Frage." beginnen.

Was den Artikel von Lewenhagen angeht: er spricht zurecht vom "Auslandsschweden-Syndrom" - mir geht es auch so, dass ich ärgerliche Dinge hier in Schweden mit dem Hinweis auf das in just der Frage bessere Deutschland verdamme. Dass es umgekehrt auch massig Sachen in Deutschland gibt, über die ich nach einer eventuellen Rückkehr aufregen würde, vergisst man dabei allzugerne.
Ihm komplett zustimmen will ich dennoch nicht.

Seine Kritikpunkte an der vermeintlich langsamen deutschen Politik offenbaren vor allem die Unterschiede zwischen zwei politischen Mentalitäten: in Schweden wird einfach gemacht, nachdem sich die Regierungsparteien einig sind. Durch die stringente Struktur des Staates und die Abwesenheit einer zweiten Parlamentskammer ist auch eine schnelle Umsetzung möglich. In Deutschland, wo man aus den Erfahrungen der Vergangenheit die Demokratie nicht blind voraussetzen kann, hat man 16 Landesverbände in den Parteien, 16 Länderregierungen im Bundesrat und einen Bundespräsidenten, der ab und zu auch mal dazwischengeht.

Beide Modelle sind per se nicht gut oder schlecht, aber auf alle Fälle anders.

Seinen Kritikpunkten an der vermeintlich rückständigen deutschen Politik kann ich auch nur teilweise zustimmen.

Das Rauchverbot wurde in Schweden ja auch erst vor wenigen Jahren eingeführt - es ist ja nicht so, dass Deutschland hier ein Schlusslicht Europas wäre.
Deutsche Gewerkschaften sind mir viel zu unsympathisch, als dass ich von denen allumfassende Tarifverträge haben wollte. Zudem sind die Lohnverhältnisse in Schweden für den einfachen Mann gut, aber das Streben nach Gleichheit hat trotzdem die Bildung von Nobelvierteln nicht verhindert, wo eben dieser einfache Mann nie Zugang haben wird.
Ein Geschwindigkeitslimit von 110 km/h als Fortschritt zu feiern fände ich auch seltsam - zwar sind die Zustände in Deutschland inakzeptabel, aber Tempo 110 auf Autobahnen und Tempo 70 auf Landstraßen ist im europäischen Vergleich schon sehr langsam.
Mit dem Schulsystem hat er freilich recht - das hat sich spätestens nach dem Krieg überlebt.

Nun zu den Dingen, die Schweden von Deutschland lernen könnte:

* Zahnbehandlungen können tatsächlich Teil einer allgemeinen Gesundheitsversorgung sein
* Es gibt Dinge, die man nicht in Wartelisten organisieren muss
* Man kann einen Mietmarkt schaffen, der reguliert ist und die Leute nicht abzockt, aber dennoch jedem Wohnraum bietet.
* Dass Datenschutz im 21. Jahrhundert nicht automatisch das Ende der Demokratie ist, sondern den Bürgern auch schützt.
* Discotheken auch mal bis 5 offen zu lassen
* Bier brauen (Nein, NICHT Lager)
* Bier mit Stil trinken (aus Glasbehältnissen und mit viiiel Schaum)
* Solches stilvolles Bier nicht nur in einem Laden zu verkaufen, der eine schizophrene Geschäftsattitüde hat und Rentner nicht danach kontrolliert, ob sie auch schon 20 sind.
* Vielleicht für dieses Bier sogar akzeptable Steuern zu erheben.
* Eine schöne Wurst dazu wäre auch nicht schlecht.
* Gutes Brot zu backen (fest, nicht süß und mit Körnern drin und so)

What a wonderful world it could be...

ainur hat gesagt…

Hansbaer,

zu der Liste ganz am Ende: Da haben Sie (!) ins Schwarze getroffen.

Ich bin in Schweden geboren, habe jedoch von meinen Finnischen Eltern gelernt, richtiges Brot zu geniessen - jedenfalls alles andere als was man hier serviert bekommt! Es ist schon witzig, dass man extra mit grossen Buchstaben auf der Brotverpackung das Wort "ungesüsst" (oder schlimmer noch, "zuckerfrei")druckt. Sollte das nicht der Normalzustand sein?...

Siezen finde ich besser als Duzen, weil ich mein Deutsch so gelernt habe und desalb etwas konservativ bin (die neue Rechtschreibung konnte ich anfangs auch nicht leiden). Davon mal abgesehen vermisse ich oft in Schweden und Finnland (wo das Duzen nicht so verbreitet ist wie in Schweden) die Möglichkeit, Distanz zu markieren. Weil ich eine relativ junge und kleinwüchsige Frau bin, geniesse ich jedes überflüssige Zeichen von Respekt und Hochachtung...

Übrigens, dieser Blog ist eine nette Entdeckung. Normalerweise werde ich beim Lesen von Dagens Nyheter immer etwas deprimiert, aber heute kam da was Gutes raus :-)