12. Juli 2007

Auf einmal existiert man nicht mehr - vom Problem eine ID-Karte in Schweden zu bekommen

In Schweden haben fast alle dauerhaft Ansässigen eine Personennummer, ausgenommen sind davon eigentlich nur Diplomaten. Sie besteht aus dem Geburtsdatum in umgekehrter Reihenfolge JJMMTT-XXXX und vier Ziffern, die der Computer vergibt.

Diese Nummer ist unabhängig von der Staatsangehörigkeit und auch Ausländer wie der Blogschreiber haben sie.

An den Grenzen werden, so Kontrollen stattfinden, Reisepässe und Personalausweise akzeptiert. Im Land selbst gibt es als Identitätsnachweis dann nur noch den (schwedischen) Führerschein und die sogenannte ID-Karte, weil auf diesen beiden Dokumenten die Personennummer steht.

Seit Anfang des Jahres hat "Svensk kassaservice", eine Nachfolgeorganisation der schwedischen Post, die kaum noch durch Filialen vertreten ist, neue Regeln für die Beantragung einer ID-Karte erlassen.

Davon betroffen ist der Chilene Astrubal Granado, wie heute Stockholm City meldet. Astrubal lebt seit 20 Jahren in Schweden und brauchte jetzt eine neue Karte. Aber es wird verlangt, dass ein naher Verwandter mitkommt, der bestätigen kann, dass es sich bei der Person um Astrubal handelt. Dieser nahe Verwandte muss eine gültige ID-Karte besitzen.

So blitzte der Chilene bei der einen nach der anderen Filiale ab. Kein Verwandter - keine ID-Karte. Eine freundliche Dame gab ihm den Tip, er möge doch einfach eine Schwedin heiraten, dann löse sich das Problem. Wir wissen nicht, ob sie sich damit indirekt selber angeboten hat.

Doch Astrubal ist nicht der einzige, den die neuen Regeln vor Probleme stellen. Selbst gelang es mir im Frühjahr meine Bank zu überzeugen, dass neue EU-Pässe als Identifikationsnachweis anerkannt werden sollen, wie es im Kleingedruckten heisst. Von Banken, aber nicht von Svensk Kassaservice. Dort werden Ausländer weiterhin mit Regeln diskriminiert, für die nicht einmal das Wort grotesk oder kafkaesk zutreffend ist.

Immerhin hat die neue Regierung nur fast sieben Monate gebraucht, um das Problem zu sehen und wird jetzt eine Untersuchung anstrengen, die von Einwanderungsministerin Nyamko Sabuni geleitet wird.

Vielleicht können in Schweden lebende Ausländer ohne EU-Ausweis dann wieder "existieren". Denn ohne gültige ID-Karte kann man nicht mit seiner Kreditkarte bezahlen, seit Anfang des Jahres nicht einmal mehr ein Paket von den Verwandten abholen.

Am 31. Dezember soll das Ergebnis der Untersuchung vorliegen. Bis dahin muss sich Astrubal gedulden oder der Dame von Svensk Kassaservice einen Heiratsantrag machen.

Kommentare:

buhil hat gesagt…

Na, ganz so dramatisch ist es nicht. Seit einem halben Jahr laufe ich ohne ID oder schwedischen Fuehrerschein herum, da ich bisher zu faul war, mir eine zu besorgen. Wenn beim Kreditkartenzahlen nach der ID gefragt ist, sage ich immer: 'Hab leider keine, aber ich kann Ihnen meine Personennummer sagen.' Klappt immer. Und ein Paket habe ich mit dem deutschen Reisepass abgeholt.

Aber ich sollte endlich mal zur Bank laufen und mir dort eine schwedische ID besorgen. Hoffentlich klappts mit dem EU-Pass.

Hansbaer hat gesagt…

Dass die Geschichte mittlerweile vom Reichstag behandelt wird, liegt daran, dass die englische Zeitung The Local schon im Januar davon berichtete. Dort ging es aber vorwiegend um frisch Eingewanderte.

Ich würde das mit der ID nicht so locker sehen wie mein Vorredner. Auch ich kam über ein Jahr lang ganz gut ohne durch, bis ich bei einem Krankenhausbesuch gesagt bekam, dass meine Personnummer im System gerade nicht auffindbar sei. Dann braucht man ein Dokument, das Personnummer und Gesicht zusammen zeigt, und das ist eben eine ID. Glücklicherweise habe ich mir letztes Jahr schon eine besorgt. Das war aber so schwer, dass ich mich frage, wie man in dem System überhaupt bescheißen konnte.

Übrigens: ein Hintertürchen wird gerne vergessen. Ein Führerschein wird auch als ID akzeptiert, so dass man durch Umtausch des deutschen in den schwedischen Führerschein das Problem löst. Zur Abholung dessen genügt nämlich wiederum eine Referenzperson. Außerdem können dadurch auch die vielen, die noch einen rosa oder grauen Lappen von früher besitzen, ihren Führerschein aktualisieren. Die alten Lappen sind nämlich ein Jahr nach Umzug offiziell eigentlich nicht mehr gültig.

Wenn die Schweden schlau wären, würde man dieses ganze System einmotten und stattdessen durch ein einfacheres System ersetzen: IDs für Schweden sind die normalen Personalausweise, für Ausländer vom Migrationsverket ausgegebene IDs. Erstere gibt es nämlich schon länger, nur wollte sie bislang keiner haben, weil fast jeder Schwede ohnehin einen Reisepass besitzt.

Rainer hat gesagt…

Ich bekam vor en paar Wochen eine Mail von einer verzweifelten jungen Schweizerin, die auch in diesen Kreislauf geraten war. Kein naher Verwandter zur Identifizierung, keine ID-Karte.
Im Krankenhaus wird bei allen Behandlungen immer nach der Nummer und der ID gefragt, das habe ich selber erlebt, als ich vor der Narkose und nach dem Aufwachen als letztes und erstes meine Personennummer aufsagen musste. Solange man in Geschäften mit ausländischer Kreditkarte zahlt, geht es, aber wenn man eine schwedische hat, will man hier die Karte sehen.
Prinzipiell ist das ja gar nicht schlecht, weil ich in Deutschland nie nach irgendwas gefragt werde und meine Unterschrift einfach hinschmiere.
Aber nun mahlen die Mühlen der schwedischen Demokratie ja und irgendwann wird auch unser chilenischer Freund seine Karte bekommen.
Ich hatte Anfang des Jahres keine gültige Karte und mein Paketaushändiger in einem Videoladen gab mir KEIN Paket mehr, eins ging zurück nach Deutschland.